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Andacht

Bild - Evangelische Kirchengemeinde Selm

Kein Quatsch!

Ein ganz normaler Wochentag um die Mittagszeit. Ich befinde mich auf dem Weg zum „großen“ Edeka, um schnell noch etwas fürs Essen einzukaufen, als ich sie sehe: Zwei Frauen, die sich unterhalten. Eine sitzt am Lenkrad eines Autos, das auf der Botzlarstraße steht; Motor aus, das Fenster an der Fahrerseite weit geöffnet. Die andere steht mit einer Einkaufstasche in der Hand neben dem geöffneten Fenster, mitten auf der Straße auch sie. Etwa 15 Minuten später, die Wege im Supermarkt sind weit, verlasse ich das Geschäft und sehe die beiden Frauen, wie sie miteinander reden. Und nach weiteren 20 Minuten – ich war noch kurz im Gemeindezentrum, etwas kopieren – sind die Zwei immer noch im Gespräch vertieft.

Quatschen, so nennen wir es salopp, wenn Menschen lang und ungezwungen miteinander reden. Oft gebrauchen wir das Wort mit einem negativen Unterton. Aber ist quatschen wirklich Quatsch, Unsinn? Ist es nicht vielmehr Ausdruck von Interesse am Leben im Allgemeinen und am Leben meines Gesprächspartners im Besonderen, wenn ich ihm zuhöre, ihn frage, auf seine Fragen antworte? Ist es nicht sinnvoll, mich anderen mitzuteilen und dazu in Worte zu fassen, was mich bewegt, was mich belastet, was mich erfreut? Eine kluge Kollegin hat einmal gesagt: Je mehr wir miteinander reden – im Treppenhaus, im Bus oder auf der Straße – desto weniger benötigen wir Psychologen und Psychiater.

Nein, quatschen ist kein Quatsch! Und noch etwas haben die beiden Frauen mir vor Augen geführt – denn ich habe die Begegnung mit ihnen ja auch deshalb nicht vergessen, weil sie etwas taten, was ich normalerweise nicht tue. Weil ich anderes, vermeintlich Wichtigeres zu tun habe als „nur“ dazustehen und zu quatschen. Aber im sogenannten Doppelgebot der Liebe „Du sollst Gott lieben und deinen Nächsten“ ergänzt Jesus nicht ohne Grund „wie dich selbst“. Viele Menschen vergessen das. Aber wie könnten die, die sich selbst nichts gönnen, anderen etwas gönnen? „Wie dich selbst“: Allen ist das gesagt. Hören sollen es vor allem jene, die dazu neigen, sich selbst zu übersehen – das wünscht sich und Ihnen

Ihr Pfarrer Lothar Sonntag

Eintrag vom: 01.06.2016