OK

Cookies auf unserer Seite.

Cookies helfen uns bei der Bereitstellung unserer Dienste. Durch die Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen.

Andacht

Bild - Evangelische Kirchengemeinde Selm

Andacht aus dem Gemeindebrief Oktober/November 2015

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

es ist schon ein paar Monate her, dass wir den nachfolgenden Text als Andacht planten. Jetzt, da diese Gemeindebriefausgabe gerade entsteht, bekommt der satirische Ausblick von Günter Schubert beklemmende Aktualität, angesichts der Situation all der Schutz suchenden Menschen, die in diesen Septembertagen in unser Land flüchten. Gleichzeitig berührt es sehr, dass „Glaube, Liebe, Hoffnung“ sich auch immer wieder Raum verschaffen, z.B. in der Arbeit der beiden Asylkreise, über die Andrea Preuß und Manfred Uckat auf den folgenden Seiten berichten. Wir danken den drei Autoren von Herzen für ihre Beiträge.

Ihre Pfarrerin Heike Scherer


1. Korinther 13
Eine etwas satirische Betrachtung
von Günter Schubert

„Für jetzt bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei, doch am größten unter ihnen ist die Liebe.“ - Ein wunderbarer Spruch. Ich behaupte mal, er gehört sicher zu den bekanntesten Bibelsprüchen. Natürlich sehr begehrt als Trauspruch. Das ist schon etwas.

Doch mit Liebe ist ja hier nicht nur die Liebe zwischen Eheleuten gemeint, sondern, wenn sie am größten sein soll, etwas Umfassendes, was unser Handeln grundlegend bestimmen soll. Doch haben wir Menschen das so, wie es die Bibel meint, schon erreicht? Nein, da sind wir weit davon entfernt. Aber stellen wir uns einmal vor, wir wären durchdrungen von Liebe und unser Handeln im Umgang mit Menschen, Tieren und Pflanzen wäre von Liebe geprägt. Wir hätten das Paradies auf Erden. Schauen wir uns doch einmal die Auswirkungen an. Vieles würde sich ändern. Fangen wir bei den jungen Menschen an, den Konfirmanden. Die würden sich erst einmal tüchtig freuen, denn viele Gebote müssten nicht mehr gelernt werden, sie hätten keinen Sinn mehr. „Du sollst nicht ehe- brechen!“ Wer würde denn noch die Ehe brechen, streiten und den Partner betrügen, wenn er von Liebe erfüllt wäre? Es gäbe nur noch Harmonie. Allerdings, da sind ja auch einige Rechtsanwälte und Scheidungsrichter, die von den Streitigkeiten ganz gut leben. Teure Rechtsanwaltskanzleien müssten schließen, Anwälte und Richter würden ihre Existenz verlieren. Na gut, einige könnten umschulen als Standesbeamte, denn jetzt würden natürlich wesentlich mehr Ehen geschlossen. Man könnte das Problem also lösen.

Nehmen wir das nächste Gebot. „Du sollst nicht stehlen!“ Weg damit. Wer seinen Mitmenschen liebt, der wirdnicht klauen, was der sich mühsam erarbeitet hat. Wunderbar. Schlüssel, Schlösser brauchen wir nicht mehr. Keine teuren Schließanlagen, Überwachungskameras, Lenkradschlösser für Autos, Diebstahlversicherungen. Ja, auch der Polizeiapparat könnte wesentlich verkleinert werden. Polizisten müssen nicht mehr Spuren sichern, Diebe fangen usw. Und weniger Gefängnisse brauchen wir auch. Aber die vielseitigen Sicherheitsanlagen werden von Menschen produziert, Fabriken werden gebraucht. Oha, hier sieht die Sache schon anders aus. Tausende Menschen würden ihre Arbeit verlieren, Fabriken werden Ruinen, Versicherungen verlieren einen Teil ihrer Einnahmequellen. Das ist nicht mehr aufzufangen. Doch das ist alles nichts gegen den dicksten Brocken.

„Du sollst nicht töten!“ Zum Töten braucht man Munition, Waffen, Kanonen, Panzer, Flugzeuge, U-Boote. Da ist eine gigantische Industrie nötig mit teuren Maschinen. Ingenieure werden gebraucht und viele Soldaten. Die brauchen Kasernen, Uniformen, Ausbilder. Da wird doch richtig verdient. Vor allem einige wenige verdienen unvorstellbare Summen. Und diese Menschen sind dann sehr geachtet und spielen in Politik und Wirtschaft eine entscheidende Rolle. Sie sorgen dafür, dass Unruhen geschürt werden und immer mehr neue Waffen produziert werden müssen. Nein, hier kommen wir mit Liebe nicht weiter. Wir würden auf der Strecke bleiben. Da bricht ja das Standbein unserer Nation weg. Aber wie geht es denn dem sogenannten kleinen Mann? Der könnte sich doch nun ohne Angst abends gemütlich in den Sessel setzen und seinen Fernsehapparat anschalten. Aber was soll er sich denn anschauen? Krimis gibt es ja nicht mehr. Die meisten Liebesfilme auch nicht. Sie leben ja vom Fremdgehen, Betrug usw. Und die Tagesschau wäre auf weniger als eine Minute geschrumpft. Keine Berichte mehr von Krieg, Terror, Skandalen. Keine Lügen mehr von Politikern. Was will man denn noch zeigen? Es wird langweilig! Nichts mit Paradies! Das erkennen wir deutlich. Wir können mit dieser umfassenden Liebe einfach nicht leben. Nehmen wir den schönen Spruch lieber wieder als Trauspruch, da kann er kein Unheil anrichten. Alles ist wunderbar.

Aber ich kann nicht verstehen, dass uns die Bibel etwas Falsches zeigt. Die Bibel irrt doch nicht. Ich denke, es ist ganz klar, es ist ein Übersetzungsfehler, dem leider auch unser lieber Martin Luther verfallen ist. Es müsste doch heißen: „Für jetzt bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei, doch am größten unter ihnen ist der Glaube!“ Hier gibt es doch keinen Zweifel und keinen Irrtum, denn wenn wir so weiterleben wie bisher, dann werden noch viele - sehr viele - dran glauben müssen.

Günter Schubert,
Männerkreis Bork

Eintrag vom: 01.10.2015